Montag, 29. July 2013

Manager oder Mystiker?

Das Sakrament des Priestertums in der katholischen Kirche

Jerusalem, nahe der Dormitio-Abtei auf dem sogenannten Berg Zion: ein Raum, kaum 80 m² groß. Äußerlich gesehen unscheinbar, ja fast enttäuschend. Von seinem inneren Gehalt für die Ur- und Weltkirche jedoch von einzigartiger Bedeutung. An diesem Ort, dem Abendmahlsaal, liegt für die werdende Kirche der Ursprung von vier Sakramenten: das Sakrament der Eucharistie am Gründonnerstag Abend („Das ist mein Leib, der für Euch hingegeben wird.“ Lk 22,19), das Sakrament der Versöhnung („Wem ihr die Sünden vergebt, dem sind sie vergeben.“ Joh 20,23), das der Firmung („Es erschienen ihnen Zungen wie von Feuer, die sich verteilten; auf jeden von ihnen ließ sich eine nieder.“ Apg 2,3) und das Sakrament des Priestertums („Tut dies zu meinem Gedächtnis.“ Lk 22,19). Für mich als Priester stellt der Besuch des „Abendmahlsaals“ einen Höhepunkt jeder Reise ins Heilige Land dar. Hier wurde mein Priestertum, ja das Priestertum aller Mitbrüder aller Zeiten geboren. Hier liegt der Ursprung eines Pfarrers von Ars, eines Hl. Don Bosco, eines Maximilian Kolbe, eines Johannes Paul II. – die Priester begehen am Gründonnerstag nicht nur die Einsetzung der Eucharistie, sondern feiern auch ihren „Geburtstag“.

Das Priestertum als Sakrament beschäftigt uns im heutigen Artikel.

Was ist ein Priester eigentlich? Der Arbeiterpriester, der liturgische Moderator, der opfernde Stellvertreter Christi, der Leiter mehrerer Pfarreien und Chef vieler Mitarbeiter, der betende Mystiker, der Dienstleister an existentiellen Knotenpunkten im Leben der Gläubigen?

Wir wollen uns dem Priestertum nähern durch den, den wir als den wahren und einzigen Priester bezeichnen: nämlich durch Jesus Christus. In ihm finden alle Arten des Priestertums der Kulturen und Zeiten die Erfüllung und Deutung. Alle kommenden Priester sind ein Ausfluss seines Priestertums und messen sich daran.

Christus ist gekommen, um uns den Weg zu Gott Vater neu zu eröffnen und uns Gott zu bringen. Er hat gelebt, gepredigt, Zeugnis vom Vater und seiner Liebe abgelegt, vergeben, geheilt und durch seinen Opfertod Liebe, Wiedergutmachung und Erlösung gebracht.

Christus ist der Kanal, der den Weg zwischen Gott und den Menschen eröffnet. Er macht Gott für die Menschen gegenwärtig. Josef Pieper, deutscher Philosoph des letzten Jahrhunderts, stellte sich auch die Frage: Was ist ein Priester? Und er antwortete, mit philosophischer Schärfe auf das Wesentliche gerichtet: „consecratio und dedicatio“. Der Priester ist ein Mann, der durch die Weihe (consecratio) zu priesterlichen Aufgaben befähigt wird, die sonst niemand verrichten kann. Und durch seine dedicatio tritt er in die Fußspuren Jesu, der als Hirte der Menschen ihnen nachgegangen ist, sie gesucht, gepflegt und auf die Weide Gottes geführt hat. Diese beiden Aspekte sollen uns nun beschäftigen.

consecratio: Das lateinische Wort für Priester „sacerdos“ (von lat. sacer, sacra, sacrum: heilig, geweiht, ehrwürdig) drückt das Geheiligt-Sein aus. Priester ist man zuerst für den Dienst Gottes. Das erinnert an den Stamm Levi im Alten Testament, einen der zwölf Stämme Israels. Sie sollten nach dem Willen Gottes nicht wie die anderen Stämme persönlichen Grund besitzen, sondern durch den Dienst am Tempel ihre Vergütung erhalten. Sie sollten Gott gehören und von ihm „versorgt“ werden. Der Priester ist also von Christus eingesetzt, um den Menschen den Zugang zu Gott zu ermöglichen. Dafür überträgt der Herr ihm „göttliche“ Vollmachten: Nämlich vor allem die, die Sakramente der Eucharistie und der Versöhnung zu spenden. So macht der Priester Gott für die Menschen in sakramentaler Weise gegenwärtig.

dedicatio: Aber auch das konkrete Alltagsleben, die Hingabe an die Menschen und ihre Bedürfnisse, dem Vorbild Christ folgend, gehört nach Pieper wesentlich zum Leben des Priesters.

Durch sein Wirken und Sein spiegelt er Gott wider. Wie viele Menschen haben die Güte Gottes und seine Nähe durch einen selbstvergessenen Priester erlebt, der ihnen diese liebende Nähe zugänglich gemacht hat. Und wie schwer wiegt es bei den Gläubigen, wenn der Priester weit hinter dem Ideal zurück bleibt, das ihn auszeichnen soll; eben weil er für die Gläubigen Bild Christi, Weg zu Gott sein soll.

„Sacerdos alter Christus“ lautet eine alte Beschreibung des Priesters. „Der Priester ist ein zweiter Christus“, vergegenwärtigt also Christus im Hier und Jetzt der geschichtlichen Situation. Am Herrn Maß zu nehmen, dem vollkommenen Menschen schlechthin, legt die Latte hoch. Mit eigener Kraft erreichen wir dieses Ideal nicht. Nur die Hilfe Gottes, das Gebet der Gläubigen und eine echte, anhaltende Mühe des Priesters machen möglich, Jesus, dem einzigen und wahren Hohepriester ähnlicher zu werden.

Sicherlich gehören zum Priestertum heute vielfältige Aufgaben, die den Priester neben seinem grundlegenden Dienst (Liturgie, Sakramente, Verkündigung, Leitung) auch zum „Chef “, zum „Manager“, zum „Moderator“ machen. Das alles kann auch Bereicherung sein, solange es nicht die Mitte des Priestertums verdrängt.

Zum Schluss stellen wir uns die Frage nach den Elementen des Sakraments der Priesterweihe: Wann hat es Christus eingesetzt und worin besteht der Kern der Weihe? Eingesetzt hat Jesus das Priestertum – das haben wir bereits erwähnt – am Gründonnerstag vor seiner Passion. Er setzte die Eucharistie ein und vertraute sie den versammelten Aposteln an mit den Worten: „Tut dies zu meinem Gedächtnis.“ Damit war die Nachfolge in der Spendung dieses Sakraments errichtet. Langsam entwickelte sich nun das Bewusstsein, dass die Apostel die Eucharistie für die entstehenden Gemeinschaften von Gläubigen feiern sollten; und damit auch das Bewusstsein des Priestertums im „neuen und ewigen Bund“, den Christus aufgerichtet hatte. Spender der Priesterweihe ist der Bischof. Denn nur ihm kommt die Fülle des Priestertums, und somit auch die Vollmacht zur Weihe, zu. Die Spendung des Sakraments besteht im Kern aus der stillen Auflegung der Hände auf die Weihekandidaten und dem anschließenden Weihegebet des Bischofs.

Ein Schlussplädoyer in eigener Sache: Priester sind auch nur Menschen, mit Fehlern. Sollten Sie nun bei Ihrem Pfarrer, Kaplan oder einem anderen Priester Fehler, Fehlverhalten – oder vermeintliches Fehlverhalten – feststellen, so wäre meine Bitte: Beten Sie vor allem für diesen Priester. Mehr als Kritik braucht er ein ermutigendes Wort, ein offenes Herz und vor allem den Beistand Gottes. Auch mal ein klares kritisches Wort – aber nicht andauernd, und nicht destruktiv. Sondern aufbauend, helfend und ehrlich. Der Priester wird es ihnen danken. Und davon profitieren alle, auch Sie.

„Denn jeder Hohepriester wird aus den Menschen ausgewählt und für die Menschen eingesetzt zum Dienst vor Gott, um Gaben und Opfer für die Sünden darzubringen.“ (Hebr 5,1)


Dies ist das zwanzigste Kapitel aus dem Buch "Einmal Gott und zurück" von P. Klaus Einsle. Dieses Buch basiert auf einer Serie von Artikeln in unserem L-Magazin.

Additional Info

  • Untertitel:

    Das Sakrament des Priestertums in der katholischen Kirche

  • Datum: Nein
  • Druck / PDF: Ja
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